Wittekindsritt

im Rahmen des VFD Landessternritts NRW

vom 26. - 28. Juli 2017


Dienstag früh am Morgen des 25. Juli. Svea, Nina, Laura, Peter und Natalie verladen ihre Pferde Nabucco, Jigsaw, Finnlay, Lucy und Georgia irgendwo im Kreis Recklinghausen und fahren gen Norden ins Osnabrücker Land. Nahe Bramsche werden die Rösser entladen, gesattelt, bepackt, dann geht’s los – immer den Spuren des alten Wittekinds auf dem Kamm des Wiehengebirges folgend.

Wittekind – eigentlich Widukind - entstammte einem westfälischen Adelsgeschlecht und führte als Herzog der Sachsen in den Jahren 777 bis 785 den Widerstand gegen Karl den Großen in den Sachsenkriegen. Hierbei unterlagen die Sachsen den militärisch überlegenen Franken und so wurde der heutige Nordwesten Deutschlands dem Karolingerreich einverleibt und schließlich auch christianisiert. Widukind wurde zu einer mythischen Gestalt und teilweise kultisch verehrt.

Die erste Etappe ist von anhaltenden Regenschauern geprägt und erstreckt sich über 43,59 Kilometer, welche, inklusive Pause, in genau 10 Stunden zurückgelegt werden. Nachtquartier finden die fünf in der Reitschule Horstmann in Bad Essen, von wo es am nächsten Tag zum Ponyhof Wiehen in Hüllhorst geht, der nach 33,84 Kilometern in 9 Stunden um 20 Uhr erreicht wird.

Während die Einen bereits am zweiten Tag den Spuren Wittekinds folgen, begeben sich weitere VFD’ler auf den Weg gen Norden - Renate mit ihrem Lima aus Bonn, Conny mit Mailo und Gaby (also ich) mit Khassim. Am Mittwoch, 26. Juli treffen wir gegen 11.30 Uhr in der Wiehentherme in Hüllhorst ein. Zunächst errichten wir zwei hoffentlich sichere Paddocks für Hengst Lima und Ausbrecherkönig Khassim. Fünf mal Fünf Meter mit vier Reihen Litze durch die 4.000 Volt hindurch gehen, dazu nochmals ein umsäumender Zaun zur Abwehr neugieriger Passanten.

Um 12.00 Uhr sind wir fertig. Schnell putzten wir unsere Pferde, satteln sie und begeben uns auf einen knapp 23 Kilometer langen Rundritt um das Lübbecker Torfmoor. Zunächst auf dem rutschigen Waldboden steil bergan, dann über die Bergkuppe hinweg wieder hinunter nach Nettelstedt und schließlich bis zum Moorhus des NABU Minden-Lübbecke. Hier holen wir uns Rittstempel und Informationen zum Moor.

Im 550 Hektar großen Lübbecker Hochmoor wurde bis Ende der 1960-er Jahre Torf abgebaut. Heute wird nur noch an vier Stellen Moor für Heilbäder gestochen. Ansonsten bietet es der heimischen Flora und Fauna ein wässrig-saures zuhause. Die für ein Hochmoor typischen Pflanzen können nun ihren ursprünglichen Lebensraum wiedererobern. Hierzu gehören unter anderem verschiedene Torfmoose, Lungenenzian, Sonnentau und Moosbeere. Ebenso bietet das Moor auch für viele Tiere geeignete Lebensbedingungen. Neben der brütenden Bekassine ist der Brachvogel Gast, kommen Blau- und Schwarzkehlchen vor, profitieren die Krickente, der Moorfrosch und zahlreiche Libellenarten von der Wiedervernässung. Doch der Weg ist noch lang. Bis das Moor wieder wächst und neue Torfschichten entstehen, werden noch viele Jahrhunderte vergehen. Wanderer gelangen über hölzerne Stiegen bis tief ins Moor hinein.

 

Auszug aus

“Der Knabe im Moor

von Annette von Drost Hülshoff

 

O, schaurig ists, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt -
O, schaurig ists, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

 

In Ermangelung bereitbarer Wege quer durchs Moor, wählen wir den Landwirtschafts- und Radroutenpfad ums Moor herum. Im Norden ziehen wir jedoch den romantischen Uferweg entlang des Mittellandkanals vor. Zwar werden wir hier von einer Horde angriffslustiger Bremsen überfallen, doch in Trab und Galopp gelingt es uns den blutsaugenden Terroristen kurzzeitig zu entfliehen, bis wir wieder auf den Moorradweg zurückkehren müssen. Selbstredend, dass wir aufgrund der Bremsenplage schweren Herzens, jedoch zum Wohle unserer Pferde, einer netten Pause bei Kaffee, Kuchen und Eis entsagen. Also reiten wir weiter.

Am Südrand des Moores erwartet uns eine “Begegnung der Dritten Art“. Ein 24-beiniger Traktor kommt in Schleichfahrt direkt auf uns zu, um unmittelbar vor uns auf die neben gelegene Wiese einzubiegen, wodurch er seine kostbare Fracht enthüllt: sechs Färsen (geschlechtsreife weibliche Rinder, die noch nicht gekalbt haben) die in einem Laufgatter hin und her schaukelnd vorangetrieben werden. Angesichts dieser unheimlichen Begegnung kullern die Glubschaugen förmlich aus den Köpfen unserer erregten Rösser. Um nicht vor Schreck in die umliegenden Gräben abzudriften, treiben wir die Pferde eilends voran.

 

Schnell ist der Spuk vergessen, denn nunmehr erregen von den Alleebäumen herab gefallene, halbreife Äpfel und Birnen die ganze Aufmerksamkeit unserer Ponys. So fressen wir uns bis zum Fuße des Wiehengebirges voran.

Durch Aspel durch, dann erklimmen wir wieder den Berg. Vorgewarnt von einer Anwohnerin müssen wir uns den einst breiten Wanderweg durch Dickicht und über Stock und Stein zurück erobern. Steil ist’s, so dass unsere Pferde ein ums andere Mal eine Verschnaufpause brauchen.

Auf der Südseite des Kamms wollen wir eigentlich zum Ponyhof am Wiehen hinabsteigen, doch ist der Weg dermaßen steil und durch den Dauerregen der voran gegangenen Tage derart glitschig, dass Renate der Mut verlässt und wir einen anderen, flacheren Abstieg suchen müssen. Immer am Waldrand entlang, mit Sicht auf das in abendliches Orange getauchte Ostwestfalen, gelangen wir gegen 19 Uhr an die Wiehentherme. Schnell werden Lima und Khassim mit Wasser, Heu und Kraftfutter versorgt, bevor Conny und Mailo zum Ponyhof chauffiert werden, wo wir dann auch auf unsere übrigen Recklinghäuser Reiter treffen.

Eilends entladen wir noch das Trossgepäck, bevor ich wieder zum Hotel zurück fahre. Warum Renate und ich im Hotel übernachten? Nun, die üblichen Vorurteile: auf dem Ponyhof ist kein Platz für einen Hengst. Doch schon am nächsten Tag soll sich das Vorurteil der Gastgeber vollkommen verkehren, als sie den super-braven Andalusierhengst Lima leibhaftig kennen lernen. Sollten wir jemals wieder in dieser Gegend eine Herberge für Ross und Reiter suchen, würden wir dann auch mit einem Hengst auf dem Ponyhof willkommen sein.

Im Hotel ist Grillbuffet-Abend und so lassen Renate und ich es uns richtig schmecken. Kurz vor Einbrechen der Dunkelheit, schaue ich ein letztes Mal nach den Pferden. Für meinen Khassim ist dies die erste Übernachtung in einem kleinen Paddock. Gen Norden der dichte Bergwald des Wiehengebirges, ansonsten die endlose Weite Ostwestfalens. Ich male mir schon aus, ihn am nächsten Morgen inmitten der Bielefelder Fußgängerzone einfangen zu müssen. Ein Trucker, der unseren Parkplatz als Ruheraum nutzt bitte ich, ein Augenmerk auf unsere Rösser zu haben.

Donnerstag, 27. Juli. Um fünf Uhr finde ich sowohl Lima, als auch Khassim dort, wo wir sie den Abend zuvor abgestellt hatten – inmitten der Paddocks und zwar jeder in seinem eigenen. Puh, welch Erleichterung! Wasser nachgefüllt, Kraftfutter verabreicht, Heu ist noch vorrätig, dann schnell zum Frühstück. Um 9 Uhr sitzt Renate fertig gestiefelt und gespornt im Sattel ihres Lima und ich führe Khassim die knapp vier Kilometer zum Ponyhof am Wiehen an der Hand. Immerhin ist er zum ersten Mal in seinem Leben mit viel Vorder- und Hintergepäck beladen, so dass ich ihm eine ausreichende Eingewöhnungszeit gönnen will. Darüber hinaus ist ein wenig Frühsport auch meiner Figur keinesfalls abträglich.

 

Um viertel vor Zehn erreichen wir den Ponyhof. Die anderen sind noch beim Putzen ihrer Pferde. Also binden wir unsere erst einmal an. Renate nutzt die Zeit und flechtet noch schnell zwei neue Zöpfe in Limas lange weiße Mähne. Derweil freundet Khassim sich mit einem kleinen Esel an.

 

 

Um 10.30 Uhr sind alle fertig und wir können los.

 

 

Da die Muskeln der Pferde noch kalt sind, entscheiden wir uns, nicht sofort auf den Wittekindsweg hinauf zu kraxeln, sondern für zwei Kilometer bis zum nächsten Bergdurchbruch am unteren Waldrand zu bleiben.

 

Danach erklimmen wir den Kammweg. Ein ums andere Mal durchbrechen Sonnenstrahlen das dichte Blätterdach der Bäume, bilden Spotlichter auf dem Waldboden und lassen kleine Wassertropfen des Frühdunstes an den Blattspitzen funkeln.

 

 

Bei der großen “Walllücke“ sowie nochmals in Bergkirchen sind wir gezwungen, auf einer Seite des Berges hinab und auf der anderen wieder hinauf zu steigen.

Die ganze Gegend von Vlotho bis Exter soll in den ältesten Zeiten ein großer See gewesen sein. Die Höhenzüge, welche dort zu finden sind, standen miteinander im Zusammenhang, bis das Wasser sie durchbrach und alsdann abfloss. Jetzt führen tiefe Täler zwischen diesen Höhen hindurch. Es deuten noch manche Überbleibsel an, dass hier in den Urzeiten Wassermassen waren. So findet man in allerlei Gestalten große, weiße und graue Steine, welche lockere Versteinerungen sind. Und in welchen man Baumstöcke, Baumblätter und Überreste von Tieren deutlich wahrnimmt. Durch eine leichte, kalkartige Erde sind diese Steine verbunden. Die bindende Masse hat auf der Oberfläche Ähnlichkeit mit einem Schaum. Im Volksmund heißen diese Steine “Horststeine“. Weitere Namen, wie Seebruch und Kuhlenexter, wie auch die nachfolgende Sage deuten auf die Gewässer hin:

Der Teufel quälte die Bewohner des Wesertales, ihm zu dienen, aber sie wollten nicht. Da dämmte er die Walllücke, eine Schlucht im Gebirge unweit Bergkirchen, durch welche die Weser ihr Wasser in die Ebene nach Norden ergoss. Und nun schwoll der Strom im Tal an, und stieg fast bis zur Krone des Gebirges. Die Leute retteten sich auf die Berge, aber immer höher wurde das Gewässer, und immer größer die Not der armen Menschen. Plötzlich kam ein Gewitter und ein gewaltiger Sturm. Ein Blitzstrahl spaltete das Gebirge und bildete eine Schlucht. Durch die Bergscharte floss das Wasser ab, und die Täler und Tiefen wurden nach und nach frei. Als der Teufel sah, dass ihm das Spiel verdorben war, geriet er in Wut, erhob sich in die Luft, eilte nach den Höhen, packte einen ganzen Berg, nahm ihn auf den Rücken und wollte ihn in die Schlucht stopfen und so die Bergscharte zudämmen. Doch die Last wurde ihm unterwegs zu schwer. An der Grenze des heutigen Lippischen Landes fiel er mit seiner Bürde zu Boden, und die Masse begrub ihn. Die Höhe heißt der Bonstapel oder Bobenstapel. Und noch soll der Teufel dort sitzen und von Zeit zu Zeit rumoren. Die Bergschlucht ist die Porta Westfalica.

 

Die erfahrenen, gut trainierten Pferde meistern die steilen Berge bravourös. Jungspund Khassim jedoch müht sich etwas ab und fällt bei jedem Anstieg schnell zurück. Aber kein Problem, auch wenn er die anderen Pferde seiner Gruppe aus den Augen verliert, bleibt er doch stets vollkommen gelassen und hält Tempo und Rhythmus, welche er schafft. Ein tolles Pferdchen!

 

Dann erreichen wir das Gasthaus “Zum Wilden Schmied“, wo wir eine dreiviertel Stunde rasten, um die Pferde zu tränken, fressen und ausruhen zu lassen. Wir selbst genießen Heiß- oder Kaltgetränke. Vor Abritt noch schnell ein kleines Fotoshooting, dann geht’s weiter.

Durch frischgrünes Dickicht hindurch erblicken wir alsbald die Kapelle der Wittekindsburg und kurz darauf die Fachwerkfeste selbst. Im Hofe der Burg stoßen wir auf die Wittekindsquelle.

Nach einer Überlieferung gab es bei einem Treffen zwischen dem Sachsenherzog Widukind und Kaiser Karl dem Großen, der die Sachsen zum christlichen Glauben bekehren wollte, einen heftigen Streit über die jeweils unterschiedlichen Glaubenslehren. Im Verlauf der Auseinandersetzung verlangte Widukind von Karl dem Großen ein Zeichen zum Beweis seines christlichen Glaubens. Das Pferd Widukinds habe daraufhin mit den Hufen gescharrt und die Quelle freigelegt. Durch dieses Quellwunder, war Widukind so beeindruckt, dass er sich dem Frankenkönig unterwarf, zum Christentum übertrat und sich taufen ließ. (Gemälde: Das großformatige Ölbild von Hans Mündelein ist im Festsaal der Wittekindsburg zu bewundern.)

 

Nur wenige Kilometer weiter ragt vor uns an höchster Stelle des Wittekindsberges (281,48 m) der Moltketurm zwischen den Bäumen empor. Dieser wurde 1828/1829 als Aussichtsturm “Wittekindsstein“ errichtet. Er diente als Signalpunkt 1. Ordnung für die Landesvermessung. Als Baumaterial wurde Portasandstein verwandt. 1941 erwarb die Gemeinde Barkhausen den Turm zum symbolischen Preis von 1 Reichsmark.

Noch ein Kilometer, dann erblicken wir das monumentale Kaiser-Wilhelm-Denkmal oberhalb des Weserdurchbruchs Porta Westfalica – dem “Tor nach Westfalen“. Hier treffen wir auf unseren Trossfahrer Philippe.

Das Denkmal wurde durch die damalige prußische Provinz Westfalen von 1892 bis 1896 errichtet und entstand vor dem Hintergrund der nationalen Ideen im Deutschen Kaiserreich. Das insgesamt rund 88 Meter hohe Denkmal reiht sich ein in die Reihe der deutschen Nationaldenkmäler ein.

Für mich ganz persönlich ein Ritt in meine Vergangenheit – zurück in Kindheit und Jugend, als ich in diesen Gefilden mit geliebten, heute längst verstorbenen Menschen wanderte. Die vielen schönen Erinnerungen treiben mir Tränen in die Augen. Nach einem ausgiebigen Fotoshooting reite ich auf Khassim um das Denkmal herum und genieße die Fernsicht auf Minden, Petershagen, Barkhausen und Porta Westfalica. Ich bin zuhause!

Der untere Sockel des Denkmals wird saniert und so können wir aufgrund der Großbaustelle nicht direkt nach Barkhausen absteigen. Also begleiten wir Philippe zum Parkplatz, wo wir die Pferde an den Leitplanken befestigen und sie mit Wasser sowie reichlich Buchenästen versorgen. Eine Stunde Pause. Als geübter Reservist holt Philippe seine Survival-Ausrüstung hervor und kocht uns Wasser für Kaffee und Tee – Hammer!

 

Es ist 17.30 Uhr. Ich informiere unsere nächste Gastgeberin, dass wie vom Denkmal nun ins Tal hinab reiten werden. Zunächst über die asphaltierte Serpentinstraße, dann auf dem Barriere freien Waldweg führen wir die Pferde nach Barkhausen hinab.

Kurz vor der Hauptstraße informiere ich meine Mitreiter über die nun folgende Infrastruktur – Zunächst eine zweispurige Hauptstraße, welche nach einer überdimensionalen Ampel-Doppelkreuzung auf die große, sechsspurige Weserbrücke übergeht, der wir geradeaus nach Porta Westfalica – Hausberge folgen müssen. Wir sitzen wir auf, besprechen noch kurz die Struktur unserer Formation und reiten dann zu zweit nebeneinander los. Svea und Nina übernehmen die Führung, dahinter reihen sich Conny und Laura ein, wonach Renate und ich folgen. Den Schluss bilden Peter und Natalie. Somit werden die möglicherweise schreckhaften von den sicheren Pferde vor dem heftigen Kraftverkehr geschützt.

Schnell bildet sich hinter uns eine lange Autoschlange, die uns jedoch nicht aus der Ruhe bringt. Zu Fuße des Wittekindsberges passieren wir das einst prunkvolle Berghotel, welches derzeit bis auf das Fachwerk ausgehöhlt wird. Die erste Ampelkreuzung. Links geht’s fünfspurig zur Weserbrücke, rechts zweispurig über die Bundesstraße B61 zur Autobahn A30 nach Bad Oeynhausen. Typisch, wenn wir kommen, schaltet die Ampel auf Rot. Kein Problem! Es wird grün, dann gleich dahinter die nächste Ampel und wieder rot. Von rechts mündet eine weitere Spur auf unsere Straße, die als Rechtsabbieger nach Querung der Weser zur Autobahn A2 führt. Da in der Ferne ein Radler auf der Brücke erscheint, meiden wir den Fuß- und Fahrradweg zu unserer Rechten und bleiben auf der Straße. Svea und Nina wählen die Rechtsabbieger-Spur, damit der gesamte Verkehr ohne große Behinderung an uns vorbeifahren kann. Alle Pferde sind ruhig und folgen gehorsam unseren Hilfen.

Unter uns die breite, reißende Weser mit ihren lebensgefährlichen Strudeln. Vor uns die Eisenbahnlinie Dortmund-Minden. Kurz vor Erreichen der nächsten Ampelkreuzung jenseits der Weser wechseln wir auf die Geradeausspur. Nun sind auch die weniger geübten Pferde dem heftigen Verkehr ausgesetzt, denn von allen Seiten überholen uns nun Fahrzeuge bzw. kommen uns entgegen. Natürlich bleibt uns auch bei dieser Ampel eine Rotphase nicht erspart, doch zum Glück haben wir die weltbesten Pferde. Die Ampel schaltet auf Grün um, wir traben über die große Kreuzung, umrunden halb den Kreisel und biegen rechts “Unter der Schalksburg“ in die Hauptstraße von Porta Westfalica ein.

An Geschäften und Biergärten vorbei, durchqueren wir der Länge nach Porta Westfalica und sorgen in den engen Straßen für Stau. Anders als gewohnt, nehmen insbesondere die Linienbusfahrer sehr viel Rücksicht auf uns. Sie drängeln nicht, lassen uns wenn nötig einfädeln oder gewähren uns Vorrang. Echt prima und an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank!

Die letzten rund vier Kilometer traben wir teils über wunderschöne Feldwirtschaftswege bis wir nach 33,36 Kilometern wie angekündigt um Punkt 19 Uhr den Hof Ellerburg von Sandra Schröder erreichen. Sogleich werden wir von einer Gruppe Ponykinder umringt. Der schöne Lima sticht den kleinen Mädchen besonders ins Auge.

Alle Pferde dürfen auf die kniehohe, frischgrüne Graskoppel, die Sandra zuvor in große Parzellen eingeteilt hat. Eine für Hengst Lima, eine zweite für Jigsaw, Finnlay, Mailo und Khassim sowie eine dritte Parzelle für Nabucco, Lucy und Georgia. Und weil Nabucco seine Stuten keinesfalls mit anderen teilen will, müssen wir noch ein zusätzliches Distanzseil zwischen ihm und Khassim spannen.

Irgendwann ist’s vollbracht und wir können eine saubere Pferdebox direkt neben der Autobahn A2 mit unseren Liegen beziehen, während wir auf den Pizzaservice warten. Auch unsere liebe Freundin Renate schläft bei uns im Stall mit den Worten „So habe ich in den 77 Jahren meines Lebens noch nie übernachtet - abenteuerlich!“

Anders als in ihrem heimischen Unterverband, der VFD Bonn-Wachtberg, fällt uns unsere jung gebliebene Renate mit ihrer Gehbehinderung ganz und gar nicht zur Last und wir freuen uns stets darüber, wenn sie uns auf ihrem stolzen Andalusierhengst Lima begleitet. Renate verdient unser aller Respekt und Hochachtung, dass sie im Alter von 77 Jahren noch so sportlich zu Pferd unterwegs ist. Sofern sie beim Gepäck schleppen, Satteln, Auf- und Absitzen oder sonst irgendwo Unterstützung benötigt, sind sofort mindestens zwei unserer helfenden Hände zugegen. Renate, du bist ’ne Wucht – du bist unsere Heldin!

Freitag, 28. Juli um 7 Uhr morgens. Weil die Pferd auf der Wiese bestens mit allem versorgt sind, können wir “ausschlafen“. Nach einer morgendlichen Katzenwäsche verpacken wir unsere Schlafutensilien, bereiten Reitausrüstung und Marschgepäck vor und äppeln die Wiese ab. Jeder packt mit an und so geht die Arbeit rasch von statten. Beim Einfangen fallen Svea die geschwollenen und tränenden Augen ihres Nabuccos auf. Da muss ein Tierarzt her – sicher ist sicher. Bald ist einer aus dem nahe gelegenen Vlotho gefunden, der verspricht, gegen 11 Uhr am Stall zu sein. Derweil werden schon mal die Pferde geputzt und gesattelt. Um 10.30 Uhr frühstücken wir. Unsere Gastgeberin Sandra bemüht sich uns alles recht zu machen und ist sehr um unser aller Wohl besorgt.

 

Der Tierarzt Dr. Jens Kottke stellt keine mechanischen Einwirkungen aufs Auge fest und vermutet eine allergische Reaktion. Ein wenig Salbe und das Tragen der Kopfhaube werden Linderung bringen. Zum Glück, alles wird gut!

Und so verlassen wir mit zweistündiger Verspätung um 12 Uhr Hof Ellerburg, überqueren zunächst die Autobahn A2, reiten dann durch Veltheim und erreichen alsbald die Weser, an deren Nordufer eine Eisenbahnlinie sowie eine Hauptkraftverkehrsstraße entlang führt. Laut alter Karten sollte zwischen Bahngleise und Weser ein Wirtschaftsweg verlaufen. Nach einem tollen Galopp endet dieser jedoch an einem undurchdringbaren Dickicht und wir müssen wieder umkehren, wobei uns eine Eisenbahn im Seitenabstand von nur etwa 3 Metern entgegen kommt. Kein Problem für unsere tapferen Rösser.

Zunächst bereiten wir den Grünstreifen des breiten Fuß- und Radweges entlang der Hauptstraße, der jedoch nach wenigen hundert Metern an einer Mühle endet. Also müssen wir auf die Straße. Alles passt. Autos, Lastkraftwagen und weiter Züge fahren an uns vorüber. Plötzlich ragen winkende Hände aus der weißen Zugmaschine eines Pferdehängergespanns heraus. Hui, da überholen uns Viola und Klaus mit ihrer Haflingerstute Hanni, die zum vereinbarten Treffpunkt bei Kloster Möllenbeck fahren. „Wir sehen uns“!, rufen wir hinter den beiden her.

Dann naht von vorne ein großer Bagger mit hohem, ausladenden Schaufelarm. In böser Vorahnung frage ich unsere Rittführerinnen Svea und Nina, ob sie den Bagger nicht besser zum Halten bewegen möchten, damit wir sicher an ihm vorüber gehen können. Svea entscheidet diesen nicht aufzuhalten, da ihr verkehrssicheres Kutschpferd Nabucco alle übrigen Pferde mitziehen wird. Leider hat sie die Rechnung ohne mein vermeintlich sicheres Flügelpferd Lima gemacht. Etwa 20 Meter bevor der Bagger uns erreicht, verlassen Lima alle guten Geister und er lässt sich plötzlich zurückfallen. Vor Schreck erstarrt sogleich mein Khassim, bäumt sich auf, wir größer und weicht schließlich rückwärts in den Straßengraben zurück, wo er förmlich zum Sitzen kommt. Mit viel Zureden und korrekten Hilfen lässt er sich jedoch schnell wieder die Böschung hinauf bewegen und kommt direkt vor dem nunmehr verdutzten Baggerfahrer zum stehen. Geistesgegenwärtig bringt dieser sein Ungetüm schnell zum Stehen, schaltet den Motor aus und bittet und vorbei. Puhhh, was für ’ne Aktion!

Wir folgen der Straße weiter, doch der Riesenschreck hat meinem Jungpferd sehr viel Kraft und geistige Energie gekostet; Khassim braucht dringend eine große Pause. In Eisbergen überqueren wir auf einer alten Eisenbrücke die Weser. Wir reiten zu zweit nebeneinander. Unsere Rittführerinnen Svea und Nina legen gekonnt den Verkehr lahm, indem sie die Reitergruppe mittig und breit über beide Spuren über die Brücke leiten. Prima, richtig so!

Gleich hinter der Brücke liegt links der Doktorsee, an dem wir eigentlich eine große Badepause einlegen wollten. Da der Akku unserer Pferde jedoch schnellstens nachgeladen werden muss, bevorzugen wir eine große Wiese zu unserer Rechten. Hier können sich die erschöpften Rösser die Bäuche voll schlagen und danach ordentlich ausruhen. Philippe, der bereits auf dem Weg zum Doktorsee ist, ortet uns schnell inmitten der hoch aufgewachsenen Wiese. Sogleich zaubert er wieder ein erfrischend-köstliches Picknick aus seinem Trossfahrzeug hervor.

Ein ums andere Mal fährt ein Traktor an uns vorüber und wir befürchten, dass wir jeden Moment “mit Donner- und Doria“ von der Wiese vertrieben werden, doch kein Bauer macht anstalten, uns zu verjagen. 1000 Dank!

Aufgrund des verspäteten Abritts gelingt es uns nicht, die Zeit des Zusammentreffens mit Viola, Klaus und Andrea einzuhalten, drum verschieben haben wir diese bereits am Morgen um eine Stund auf 15 Uhr nach hinten verschoben. Andrea ist mit ihrem Markus bereits seit gestern auf dem Hof von Erich Busch, wird es jedoch nicht schaffen, bis zum vereinbarten Zeitpunkt am Kloster Möllenbeck aufzuschlagen. Viola und Klaus sind mit Hanni bereits am Treffpunkt und werden von einem vereinsamten Ex-Pferdezüchter mit vielen Geschichten und zig Fotos über eine Stunde hinweg gut unterhalten. Da Länge und Steigungen des noch bevor stehenden Weges zu beschwerlich für Hanni sein werden beschließen wir in einem ausführlichen Telefonat, dass Klaus und Viola mit Hanni ebenfalls zum ’Hof auf dem Berg’ durchfahren sollten.

Bei auffrischendem Wind starten wir um viertel nach drei. Wir passieren Kloster Möllenbeck und dringend kurz danach auf dem X5-Weg in ein großes Waldgebiet ein. Im leichten Trab folgen wir den Wegweisern, nehmen einzelne Anstiege im Galopp und wundern uns, als der bislang gut ausgezeichnete Weg plötzlich im Nirvana endet. Na prima! Zurück ist keine Option, also auf Rückewegen diagonal zum nächsten Hauptweg. Der durchweichte Boden macht es den Pferden sehr schwer, doch Schritt für Schritt kämpfen wir uns auf den A2. Eine kurze Orientierung an der nächsten Kreuzung, dann folgen wir dem breiten, geschotterten Weg gen Süden, bis wir endlich auf unseren gewünschten X2 gelangen. Wir bemühen uns, schnell voran zu kommen, doch es geht immerzu rauf und wieder runter. Kaum haben wir das Gefühl, jetzt ginge es nur noch bergab, erblicken wir den nächsten Anstieg – ächz! Inmitten des Waldes gelangen wir auf eine große Kreuzung – dem “Potsdamer Platz“, von wo aus zahlreiche Wanderwege in sechs verschiedene Richtungen ableiten.

Wir bleiben beim X2 und somit bei rauf und runter. Da die Kräfte meines Jungspunds Khassim so langsam aber sicher schwinden, steige ich ab und führe ein langes Stück. Bis auf Renate tun es mir die Übrigen gleich. Schon jetzt ist gewiss, dass wir es nicht schaffen werden, unser Ziel vor 18 Uhr und somit der Fütterung der Pferde zu erreichen, weshalb wir unsere liebe Freundin Kerstin Meißner anrufen, um sie zu bitten, für unsere Pferde ausreichend Futter bereit zu stellen.

In der Nähe von Lassbruch gelangen wir an einen Hof, der vom Wanderweg mittels eines einreihigen Stacheldrahtes getrennt wird. Diesseits des Zaunes verläuft ein DIN A4-Blatt schmaler Wanderpfad in eine Senke.  Jenseits des Zaunes führt in Sichtweite eine asphaltierte Straße  direkt vom Hofe ins Tal hinab. Jedoch für uns kein rüberkommen. So schreiten wir den schmalen Pfad hinab und kommen dem scharfen Stacheldraht häufig bedrohlich nahe. Darüber hinaus blockieren tief herab hängende Äste den Weg. Da Renate nicht zu Fuß laufen kann, bleibt sie mit ihrer blonden Haarpracht an einem besonders verzweigten Ast hängen. Nun ja, besser Äste, als scharfer Draht. Endlich im Tal angekommen, legen wir nochmals eine kurze Rast ein, bevor der nächste Anstieg sowohl uns Läufer, als auch unsere Pferde ordentlich außer Puste bringt. Dann ein Wegweiser: X9, A7 nach “Linderhofe“. Bald haben wir’s geschafft. Die letzten zwei Kilometer im Wald läuft Lima zur Höchstform auf und präsentiert uns sowohl sichtlich, als auch durch lautstarkes Brummeln, dass er ein ganzer Hengst ist. Svea und Nina fallen vor Lachen fast vom Pferd. In Linderhofe verlassen wir den Wald. Nun noch ein letzter Anstieg zum “Hof auf dem Berg“, auf deren letzten Metern wir von Essener Pferdegespannen überholt werden.

Alsbald erblicken wir den wunderschön gelegenen Hof mit vielen Paddocks im Vordergrund. Da wären wir – endlich! Unsere staunenden Rösser werden von etwa 40 Pferden wiehernd und schnaubend begrüßt. Den Wegweisern folgend erreichen wir nach 38,93 Kilometern in 9 Stunden die große Festwiese, wo wir mit viel Applaus herzlich von den bereits anwesenden Landessternreitern empfangen werden. Für heute sind wir die letzte Gruppe.

Zusammen mit unseren übrigen Landessternreitern Leonie, Heinz, Andrea und Viola sowie unserem “Fußvolk“ Philippe, Klaus und Pepe zuzüglich unserer Gäste Sina und Alessia machen wir ein Finish-Fotoshooting. Zusammen mit unseren übrigen Landessternreitern Leonie, Heinz, Andrea und Viola sowie unserem “Fußvolk“ Philippe, Klaus und Pepe zuzüglich unserer Gäste Sina und Alessia machen wir ein Finish-Fotoshooting.

 

Danach parken wir unsere Pferde, entledigen uns des Marschgepäcks, satteln ab, verbringen unsere wackeren Rösser auf deren Paddocks, tränken, füttern und versorgen sie.

Danach parken wir unsere Pferde, entledigen uns des Marschgepäcks, satteln ab, verbringen unsere wackeren Rösser auf deren Paddocks, tränken, füttern und versorgen sie. Mit Schrecken erfahren wir von unserem Zaunkönig Ulrich Rüdiger, dass unsere Paddocks keinen Strom haben. Oje, und das mit Ausbrecherkönig Khassim! In der Hoffnung, mein Pferdchen ist viel zu erschöpft, um Spöks, Dummheiten und Blödsinn zu treiben, wende ich mich ab und verlasse den großen Paddockplatz. „Wird schon schief gehen“.

Hengst Lima wird in einer großen, jedoch nicht gerade sauberen Paddockbox nahe unserer Pferde eingestallt. Wann immer wir zu unseren Pferden gehen, können wir Lima somit gleich mit versorgen. Nun können auch wir noch eine Kleinigkeit vom Abendbuffet essen, allerdings nichts mehr Spezielles für Vegetarier oder Veganer. Unsere Portionen haben bereits andere, äußerst hungrige Kameraden verputzt.

Gegen 22 Uhr fährt uns Klausi - unser “weltbester Mann für alle Fälle“ – nach Hüllhorst zu unserem Hängergespann. Schnell bauen Conny, Renate und ich die Paddocks neben dem Hotel ab, dann kehren wir sogleich zurück. Kurz vor 2 Uhr betten wir endlich unsere müden Häupter und ausgelaugten Körper auf das Luft gepolsterte, weiche Lager in meinem VW Bulli. “Gut’s Nächtle allerseits!“


Am Sonntag verlassen Conny und ich gegen 12.30 Uhr den gastlichen “Hof auf dem Berg“ und kehren nach einer gut zweieinhalb stündigen Fahrt gesund und munter mit unseren Pferden Mailo und Khassim ins heimatliche Recklinghausen zurück.

 31.07.2017, Gabriele Eichenberger